Der Wake Up Call

Der erste Wake Up Call

Ich erinnere mich, dass ich irgendwann in meiner Technozeit mal gedacht habe — wer will schon für immer leben?

Klang gut damals. Klang irgendwie weise. Oder zumindest cool. Ich war vielleicht achtzehn. Jugendlicher Leichtsinn.

Zwei Jahre später hat mir eine Ärztin gesagt, dass es vielleicht noch ein paar Wochen sind.

Wenn der Sensenmann wirklich klingelt, klingt dieser Satz plötzlich anders.

Wer ich davor war

Ich habe nie wirklich reingepasst. Nicht in die Schule, nicht in die Klasse, nicht in das was von einem erwartet wurde.

Ich war immer einer der Größten — also war ich auch einer der Lautesten, der Frechsten. Hinterste Bank, hinterste Reihe im Schulbus. Das war mein Platz. Aber das war eine Rolle. Dahinter hatte ich keinen Plan.

Ich hatte das Glück — und ich nenne es wirklich Glück — dass meine Eltern mich nicht gedrillt haben. Keine Bestnoten erzwingen, kein Druck auf Höchstleistung, kein Gefallen finden müssen. Das hat mir etwas erspart, was viele Menschen mit sich tragen: diesen tief eingebrannten Reflex, funktionieren zu müssen um geliebt zu werden.

Aber Orientierung gab es auch nicht.

Wir sind viel umgezogen. Immer wieder neue Schule, neue Freunde suchen, neu orientieren. Das macht etwas mit einem in jungem Alter. Du lernst, dich anzupassen — oberflächlich. Aber du hörst auch auf zu verwurzeln.

Also habe ich mir die rausgesucht, die auch nicht reingepasst haben. Heimkinder, Randständige, die Anderen. Das war instinktiv — ich hab die einfach erkannt. Und später dann die Coolen. teuer angezogen, wichtig, rauchen, Party. München halt. Auch eine Rolle. Auch ein Versuch, irgendwo dazuzugehören.

Techno

Das war das erste Mal, dass sich etwas wirklich richtig angefühlt hat.

Nicht als Rolle. Nicht als Anpassung. Sondern als — ja, das bin ich. Das will ich.

Die Musik, der Körper, das Tanzen als Ausdruck und nicht als Performance. Eine Community wo es keine sozialen Grenzen gab, wo du anziehen konntest was du wolltest, wo alle zusammen waren — egal woher, egal wer. Das erste richtige Ausbrechen. Das erste richtige Sich-Spüren.

Was da noch dazugehört hat in dieser Zeit — ihr könnt es euch denken. Das waren die frühen Neunziger in München. Das gehörte dazu.

Ich bin glimpflich davongekommen. Zwei Freunde, mit denen ich damals unterwegs war, haben es später nicht geschafft. Heroin. Als Erwachsene. Das zieht sich manchmal über Jahre — und dann ist jemand weg.

Die Diagnose

Und dann kam die Diagnose.

Ein Jahr Hochdosis-Chemotherapie. Ich werde nicht erzählen wie schlimm das war — das kann man sich vorstellen, oder auch nicht. Man kann es sich eigentlich nicht wirklich vorstellen bis man drin ist.

Was ich erzählen will ist, wie ich damit umgegangen bin.

Ich hab es behandelt wie eine schlimmere Erkältung.

Ernsthaft. Ich konnte nichts essen — also hab ich Pläne geschmiedet, was ich danach kochen werde. Detaillierte Pläne. Welche Gerichte, in welcher Reihenfolge. Ich hab Reisen geplant, Orte die ich sehen wollte, Dinge die ich tun würde wenn das hier vorbei ist.

War das naiv? Vielleicht. War das eine bewusste Technik? Nein, überhaupt nicht. Ich hatte damals keine Ahnung von Neurobiologie oder Stressregulation.

Aber irgendwas in mir hat instinktiv verstanden — wenn du anfängst zu glauben dass es keine Zukunft gibt, dann gibt es keine.

Diese Mischung aus Positivität und Naivität hat mir das Leben gerettet. Davon bin ich überzeugt. Und es war das erste Mal — ohne dass ich es damals so nennen konnte — dass ich erfahren habe, wie der Geist den Körper führt.

Der erste Kontakt

Ich war schon mal in einem Tai Ji Studio gewesen. Vor der Krankheit. Hab durch die Scheibe geschaut, Coladose in der Hand. Irgendwie interessiert — aber not ready. So geht man manchmal an Dingen vorbei, für die man noch nicht bereit ist.

Nach der Chemo hat es eine Weile gedauert. Viel Ruhe, viel Essen, viel Gassi gehen mit dem Hund. Der Körper braucht Zeit wenn er so viel durchgemacht hat.

Dann habe ich mich in diesem Studio für ein Seminar angemeldet. Ich dachte, es wäre eine Tai Ji Einführung. Es war Chan Mi Gong — buddhistisches Qi Gong aus dem Chan Buddhismus. Und der Leiter war kein Münchner Kursleiter, sondern ein aus China angereister Meister. Wang Yu.

Wir haben uns an diesem ersten Tag unsere Narben gezeigt.

Ich hatte meine. Er hatte seine.

Wang Yu hatte Lungenkrebs. Und er war Soldat gewesen — zur Zeit des Tiananmen Massakers. Als Buddhist, weil er musste. Die einzige Möglichkeit dem Wahnsinn zu entfliehen waren Rauchpausen.

Zwei Männer mit Narben in einem Münchner Studio. Einer hat Krebs überlebt, der andere Tiananmen. Und jetzt steht er vorne und zeigt mir, wie man Qi durch den Körper lenkt.

Chan Mi Gong beginnt mit Wirbelsäulenbewegungen — wellenartig, rhythmisch. Damit aktiviert man das Qi, die Chakren, und lernt dann Energie in sich und um sich herum zu lenken und zu sammeln.

Das war alles neu für mich. Der Umgang mit dem Körper, das Konzept Qi, die Verbundenheit mit etwas Größerem. Das Nicht-Getrennt-Sein. Das Loslassen. Das Vertrauen.

Und dann hab ich gemerkt — das kenne ich.

Nicht die Form. Aber das Gefühl. Es war anfangs ähnlich wie das Tanzen auf Raves. Dieser Moment wo der Kopf aufhört und der Körper übernimmt. Wo du nicht mehr performst, sondern einfach bist. Wo etwas in dir zur Ruhe kommt, das sonst nie zur Ruhe kommt.

Nur diesmal mit Bewusstsein. Mit Methode. Mit einem Meister der wusste wovon er sprach — weil er selbst durch die Hölle gegangen war.

Das war der Anfang.

In den nächsten Beiträgen erzähle ich weiter: der Ashram in Südindien, die Ausbildungen, die Meister, das Kloster in Thailand. Und warum es manchmal erst alles auseinanderfallen muss, bevor etwas Neues entstehen kann.